Was ist potenzialfokussiertes Brainspotting?

Potenzialfokussiertes Brainspotting ist ein relativ neues, sehr effektives körper- und beziehungsorientiertes Ressourcen- und Traumatherapie-Verfahren, welches sich zur Bearbeitung traumatischer Erfahrungen ebenso eignet wie zur Aktivierung bislang verborgener Potenziale in einem Menschen. Es stellt eine Weiterentwicklung dessen dar, was David Grand 2003 eher zufällig bei der therapeutischen Arbeit mit einer 16jährigen Eiskunstläuferin entdeckte. Er arbeitete damals mit dem von ihm entwickelten „Natural Flow EMDR“, d.h. er „scannte“ sehr langsam ihr Gesichtsfeld, während sie sich in Zeitlupe das regelmäßige Scheitern des „tripple loop“ auf der Eisbahn vorstellte. An einem bestimmten Blick-Orientierungspunkt, den er später „Brainspot“ nannte, begannen ihre Augen „einzufrieren“ und zu flattern. Während er mit der Armbewegung genau an diesem Punkt innehielt, entlud sich eine Sturzflut von traumatischem Material, von dem er geglaubt hatte, es bereits durchgearbeitet zu haben. Das traumatische Material schien aber nun auf einer tieferen Ebene neu verarbeitet zu werden. Er systematisierte diese Beobachtungen und regte seine Kollegen an, auf entsprechende Phänomene zu achten. Er hatte damit eine Weiterentwicklung dessen entdeckt und ausgebaut, was er bei EMDR (“Eye Movement Desensitization and Reprocessing”) gesehen und beobachtet hatte.

Bereits in den 70-er Jahren des letzten Jahrhunderts entwickelte und praktizierte der Gründer und Leiter der ZIST-Akademie – Wolf Büntig – eine Variante der Humanistischen Psychotherapie: Die Potentialorientierte Psychotherapie. Er hatte diese Methode für Menschen entwickelt, die an dem inneren Konflikt zwischen übermäßiger Anpassung an die Normen anderer (“Normopathie”) einersteits und dem Bedürfnis nach Selbstbestimmung (Autonomie) litten oder krank geworden waren. Eine zentrale Rolle nahm bei ihm das Fühlen – die Interozeption – ein und ging davon aus, daß Krisen, Leiden und Krankheiten als Herausforderungen zu verstehen sind, um eigene Möglichkeiten und Fähigkeiten nicht länger fremden Vorstellungen zuliebe zu unterdrücken. Symptome wurden damit zu Wegweisern in die eigene wesengemäße Richtung. Die Idee der Selbstverwirklichung hatte zuvor bereits Abraham Maslow mit seiner “Bedürnispyramide” entwickelt, ebenso publizierte Joseph D. Lichtenberg 1988 ein aufeinander aufbauendes Motivsystem, was durch Traumatisierungen geschädigt werden kann.

Der Neurobiologe Gerald Hüther veröffentlichte 2011 das Buch “Was wir sind und was wir sein könnten – ein neurobiologischer Mutmacher” und gründete 2015 die “Akademie für Potenzialentfaltung”. Er beschreibt, daß fast alle Menschen trotz unseres hochkomplexen Gehirns – eines selbstreferentiellen, sich selbstregulierenden, nicht-linearen, komplexen Systems – weit unter ihren Möglichkeiten leben. Dies hat vor allem mit den Lebensumständen zu tun, in denen ein Mensch aufwächst. Die Natur stellt unserem Gehirn nach der Geburt einen verschwenderischen Verschaltungsüberschuß an Synapsen zur Verfügung. Dabei kann jede bedeutsame Erfahrung, ob positiv oder negativ, zur morphologischen Struktur werden. Im günstigsten Fall kann sich unser Gehirn also optimal entfalten und ungeahnte Potentiale entfalten, vielleicht kann eine Hochbegabung daraus werden, im ungünstigsten Fall wird das Gehirn real geschädigt und diese frühen Schädigungs-Erfahrungen zeigen sich im Erwachsenenalter als Störungen, Beeinträchtigungen oder Erkarnkungen und können die Levbenserwartung um bis zu zwanzig Jahre verkürzen. Dies belegen neuere Forschungen aus der Neurobiologie, wie sie beispielsweise Ulrich Tiber Egle et al. in seinem Psychosomatik-Buch (2024) unter dem Begriff „early life stress“ zusammengetragen hat.

Aufgrund der Neuroplastizität unseres Gehirns müssen aber frühe Schädigungserfahrungen keineswegs lebenslang bestehen bleiben oder Folgen nach sich ziehen, sondern können mit geeigneten Methoden durchaus einer nachträglichen Veränderung und günstigeren Verarbeitung zugeführt werden. Hier eignen sich körperorientierte Verfahren am besten, denn die Körperebene dürfte die tiefste Ebene von subjektiver Wahrheit repräsentieren. Neuere Forschungen aus der Epigenetik (Spork 2017) belegen, daß sich die Zellen des Körpers an Umwelteinflüsse und Lebensstil erinnern und behaupten, daß Erfahrungen der Eltern und Großeltern molekular-biologisch gespeichert sind, ebenso wie die Erlebnisse aus der Zeit vor und nach der Geburt.

Während sich die Ansätze von Wolf Büntig eher auf einer Konfliktebene bewegen, zeigen die Ausführungen von Gerald Hüther bereits mehr Nähe zu dem, was man traumatische Belastungserfahrungen nennt. In diesem Falle haben Menschen Dinge erlebt, die jenseits der Bewältigungsfähigkeiten unseres Stressverarbeitungssystems liegen und unverarbeitet in „Rohform“ im System gespeichert bleiben. Es bedarf keiner großen Vorstellungskraft, daß solche traumatischen Lebenserfahrungen die freie Potentialentfaltung des Gehirns erheblich beeinträchtigen und traumakompensatorische Maßnahmen notwendig machen. Mit anderen Worten: Die Mehrzahl der Betroffenen lebt unter ihren Möglichkeiten und richtet sich womöglich auf ein bescheidenes Überleben ein. Dies umso mehr, wenn wir die neueren Erkenntnisse zum sogenannten Neurokonstruktivismus (Feldmann Barrett, 2024, 205) in Betracht ziehen. Demzufolge ist unser Gehirn kein Reiz-Reaktions-Mechanismus, der auf einlaufenden Input wartet, um darauf zu reagieren, sondern ein Vorhersage-Generator. Es verarbeitet Emotionen nicht reaktiv, sondern sagt ständig voraus, welche Emotion wahrscheinlich ist, basierend auf bisherigen Erfahrungen, wobei das Hirn hier sozusagen eine Wahrscheinlichkeitsrechnung anstellt – auch „statistisches Lernen“ genannt. Diese Erkenntnisse laufen unter dem Stichwort „predictive coding“ und besagen, daß unser sich Hirn jederzeit, noch bevor wir gehandelt haben, auf bevorstehende Ereignisse dergestalt einstellt, daß entsprechend Energie zur Bewältigung bereitgestellt wird. D.h. im schlimmsten Fall, daß traumatisierte Menschen entsprechende Erwartungen aufbauen und sie immer mit dem Schlimmsten rechnen, sich der Organismus energetisch darauf einstellt und dann wahrscheinlich mehr Energie verbraucht als eigentlich notwendig wäre. Dementsprechend ist wenig verwunderlich, daß für andere Aktivitäten oder vielleicht sogar Kreativität und Dinge, über die sich Menschen sonst begeistern könnten, wenig Energie zur Verfügung bleibt. Sigmund Freud hat im Zusammenhang mit Verdrängungen von Gegenbesetzungs-Energie gesprochen und auch von der „Wiederkehr des Verdrängten“. Allerdings handelt es sich im Traumabereich meistens nicht um Verdrängungen, sondern eher um dissoziativ „weggebeamte“ Erfahrungen, die meistens auch durch Sprache nicht erreichbar sind. Daß jedenfalls etwas „unerledigt“ geblieben ist, zeigt sich an der Symptombildung: Der Körper scheint immer wieder darauf aufmerksam machen zu müssen, daß bestimmte Erfahrungen im Leben „unverdaulich“ geblieben sind und auf eine nachträgliche Verarbeitung warten. Dies macht sich Brainspotting zunutze. Dabei zeigt sich, daß diese Aktivierung durch das Abscannen des Gesichtsfeldes verstärkt werden kann – und zwar nicht nur bei alten traumatischen Lebenserfahrungen, sondern ebenso auch bei Erfahrungen, die ein Mensch mit Begeisterung und Erstaunen erlebt hat. Diese alten Erfahrungen können Jahrzehnte alt sein, das spielt keine Rolle, denn existentielle Erfahrungen scheint der Körper nicht zu vergessen. So ist mit dem „potentialfokussierten Brainspotting“ eine Weiterentwicklung dessen gelungen, was David Grand vor zwanzig Jahren entdeckt und sich seinerzeit aus dem EMDR weiterentwickelt hatte.

Um skeptischen Zeitgenossen einen ersten Einblick in das Vorgehen zu geben und ein Spüren dessen, was im Körper gespeichert ist, zu ermöglichen, empfiehlt es sich im therapeutischen Prozess oder bei Live-Demonstartionen als erstes nach Lebenserfahrungen zu fragen, die mit Erstaunen, Überraschung oder Begeisterung erlebt wurden. Sobald sich hierbei Körpersensationen egal welcher Art bemerkbar machen, kann das Gesichtsfeld langsam abgescannt werden und diejenige Blickorientierung gehalten werden, welche die stärkste Reaktion hervorruft. Nach dieser meist überraschenden positiven Erfahrung kann das Brainspotting-Standard-Verfahren angewandt werden. Meistens ist es für Betroffene dann leichter auch belastende Lebenserfahrungen zu fokussieren und sich auf den dann anlaufenden Verarbeitungsprozeß einzulassen.

Mit dem Potenzialfokussierten Brainspotting gewinnt Brainspotting breitere Anwendungsmöglichkeiten und wird aus der engen Fokussierung auf traumatische Lebenserfahrungen befreit. Schließlich sollte jegliches psychotherapeutisches Vorgehen darauf ausgerichtet sein, das in jedem Menschen vorhandene Entwicklungspotenzial anzuregen. Bereits Milton Erickson, der Begründer der modernen Hypnotherapie, sprach immer davon, daß alles notwendige Heilungspotenzial in einem Menschen vorhanden sei, er habe aber im Krankheitsfall momentan hierauf keinen Zugriff.

Ein breites Spektrum an positiven Erfahrungen sowie Beschwerde- und Störungsbildern lässt sich mit diesem Ansatz günstig beeinflussen. Folgende Aspekte erlauben die Kennzeichnung des potenzialfokussierten Brainspotting als „neuropsychotherapeutisches“ Verfahren:

  • die systematische Reflexion und der Einbezug neurowissenschaftlicher Erkenntnisse in das therapeutische Vorgehen sowie die therapeutische Haltung,
  • der besondere Fokus auf und die intensive Arbeit mit physiologisch-regulativen Komponenten,
  • die Nutzung multimodaler (insbesondere visueller) aufmerksamkeits- und gedächtnislenkender und modulierender Verfahren.

Als Brainspot (Brain = Gehirn, spotting = erspähen, erblicken) wird die über das Gesichtsfeld auffindbare relevante Blickorientierung bezeichnet, die angesichts der Aktivierung belastender Lebenserfahrungen mit der stärksten Körper-Reaktion des Klienten einhergeht und dementsprechend auf die Aktivierung stress- und trauma-assoziierter Hirnprozesse schließen lässt. Im Sinne einer Aufmerksamkeitsverschiebung unterstützt die fokussierte Augenposition den inneren Dialog und somit auch den Abruf belastungsrelevanter Gedächtnisinhalte (traumaassoziierte Netzwerke und Reaktionsmuster).

Der Brainspot wird durch „Scannen“ des Gesichtsfeldes ermittelt, dabei können spontan Körperempfindungen, Bilder, Gefühle oder Erinnerungen auftauchen. Während dieser Aktivierung kann es zu unterschiedlichen unwillkürlichen Reaktionsmustern („Reflexen“), wie z.B. Blinzeln, Zuckungen der Augen, Flattern, Starren, Schlucken, Gähnen, Stirnrunzeln, Schnauben, Lippenlecken oder auch Körper-Zuckungen kommen.
Die „fokussierte Aktivierung“, d.h. die Fixierung der Augenposition auf den durch den Zeigestab (Pointer) repräsentierten Brainspot erlaubt einen intensiven „Selbstdialog“ im geschützten und Sicherheit spendenden therapeutischen Kontext. Verarbeitungsprozesse, die der Integration belastender Erfahrungen und dem Aufbau von* Regulationskompetenz* dienen, können sich entfalten.