Potenzialorientiertes Brainspotting geht davon aus, dass sowohl lebensgeschichtlich erlebte positive Überraschungs- und Begeisterungsmomente als auch therapierelevante emotionale und somit auch physiologische Aktivierungsmuster mit bestimmten Augenpositionen korrespondieren bzw. durch diese leichter zugänglich werden. Über das Gesichtsfeld kann dadurch eine zielgerichtete Aktivierung unterstützt bzw. eingeleitet werden.
Zwei Wirkmechanismen finden sich im Vorgehen verwirklicht. Einmal die „fokussierte Aktivierung“: Prozesse, die über die Augenposition, den Blickfokus und das Erfassen der damit korrespondierenden Körperempfindungen eine Aktivierung expliziter und auch impliziter Gedächtnisinhalte in Gang zu setzen vermögen.
Zum anderen die sogenannte »fokussierte Achtsamkeit« im therapeutischen Prozess. Das potenzialorientierte Vorgehen ist sowohl beziehungsorientiert als auch „neurobiologisch“ bzw. physiologisch ausgerichtet. Das bedeutet u.a. die Fokussierung auf und die intensive Arbeit mit physiologisch-regulativen Komponenten (u.a. über den „felt sense“), die Nutzung v.a. visueller aufmerksamkeits- und gedächtnislenkender Techniken und die konsequente Unterstützung selbstorganisierender und selbstregulierender Prozesse, die aus dem Stressverarbeitungssystem heraus erwachsen.
Ein bedeutsamer positiver Aspekt des potenzialfokussierten Brainspottings zeigt sich bei therapierelevantem Einsatz im stark reduzierten Risiko für indirekte Traumatisierungen der Therapierenden. Es dominiert die – im Rahmen einer schützenden, stabilisierenden therapeutischen Beziehung vollzogene – Prozessaktivierung, – veränderung und – regulation. Auch müssen traumatische Inhalte nicht zwingend dezidiert ausformuliert werden. Eine kontrollierte, effektive Prozessaktivierung (mit der damit korrelierenden neuro-physiologischen Aktivierungsebene) ermöglicht eine Umstrukturierung einmal etablierter Stress- bzw. Traumareaktionsmuster und somit eine Zunahme an Kontrolle und Regulationsfähigkeit. Darüber hinaus können durch die Aktivierung des „Körper-Gedächtnisses“ auch vorsprachliche Erfahrungen prozessiert werden. Im Fall der Aktivierung von positiven Überraschungs- und Begeisterungsmomenten kann die damals erlebte körperliche Aktivierung erneut bewußt erlebt und intensiviert werden, was sowohl damals als auch jetzt im Prozeß mit Dopamin-Ausschüttungen verbunden ist. Bekanntlich wird unter Begeisterungs-Erfahrungen – wie sie etwa Kinder unter günstigen Bedingungen hundertmal am Tag machen – der Neurotransmitter Dopamin ausgeschüttet, der nicht nur für eine bessere Verknüpfung der neuen Verschaltungen führt, sondern auch eine wichtige Rolle in der Motivationsentwicklung, bei der Bewegungskoordination, Belohnungserfahrungen und sogar dem Gefühl von Glück spielt. Jenseits erlebter traumatischer Erfahrungen ist gerade dieser Ansatz bei Traumapatienten sehr hilfreich, vermutlich werden auch hierdurch selbstregulative Heilungsprozesse angeregt und die PatientInnen erneut ins Staunen versetzt. Dies kann gerade bei PatientInnen, die längst in das sog. “Desillusionierungs-Schema” gerutscht sind, sehr hilfreich sein und vielleicht sogar zu einem Wendepunkt in der Therapie führen.
Brainspotting kann als Potenzialentfaltung sehr effektiv angewandt werden in der
- Erwachsenenpsychotherapie
- Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie
- in der Sportpsychologie bei Sporttraumata sowie bei Sportverletzungen
- in der Schauspielkunst und Musik zur Performance-Steigerung und bei Auftrittsängsten
- in der Schmerztherapie, insbesondere bei chronischen Verläufen
Potenzialfokussiertes Brainspotting eignet sich bei allen Störungen, bei denen es durch schwere Belastungserfahrungen zur Ausbildung „funktioneller Narben“ (Braun, 2006) kam. Das Stressverarbeitungssystem ist gleichsam in einer Schieflage und Dysbalance stecken geblieben. Im Extremfall handelt es sich um „eingekapselte“ traumatische Erfahrungen, die sich im Zeitverlauf sowohl psychisch als auch als Symptome auf der Körper-Ebene äußern. Dazu gehören nicht nur die Posttraumatische Belastungsstörung, sondern auch Angststörungen, depressive Zustände, Anpassungsstörungen sowie psychosomatische und somatoforme Störungen. Erfolge mit BSP wurden auch bei Zwangsstörungen, Essstörungen, Allergien und chronischen Schmerzsyndromen erzielt. Durch das spezifische potenzialorientierte Vorgehen können diese Verarbeitungsprozesse unterstützt und oft auch beschleunigt werden. Es kann das stattfinden, was Gerald Hüther genannt hat “to reconnect the disconnected” – also wieder zusammenzufügen, was “abgerissen” ist und an alten Begeisterungs-Erfahrungen wieder anzuknüpfen und sich die Fähigkeit, über die jedes Kind verfügt, “zurückzuerobern.
Anwendungsmöglichkeiten und Behandlungsbeispiele zum “konventionellen” Brainspotting-Vorgehen finden Sie in dem von Gerhard Wolfrum herausgebenen Trauma-Themenheft 03/2017 Brainspotting, erschienen im Asanger-Verlag ebenso wie in dem im September 2018 im Asanger-Verlag erschienenen englischsprachigen Sammelband The Power of Brainspotting sowie in dem Anfang 2020 erschienenen Lehrbuch Brainspotting – ein neuer Weg in der Traumatherapie mit einem Vorwort von Gerald Hüther – beide ebenfalls veröffentlicht von Gerhard Wolfrum. Weitere Behandlungsbeispiele sind in dem im Frühjahr 2026 im Carl-Auer-Verlag erscheinenden Buch Brainspotting in der Praxis – wenn Reden alleine nicht mehr hilft – mit einem Vorwort von Gunther Schmidt – ebenfalls von Gerhard Wolfrum zu finden.