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Anwendungsbereiche und das Besondere an Brainspotting

Der Brainspotting-Ansatz geht davon aus, dass therapierelevante emotionale und somit auch physiologische Aktivierungsmuster mit bestimmten Augenpositionen korrespondieren bzw. durch diese leichter zugänglich werden. Über das Gesichtsfeld kann somit eine zielgerichtete Aktivierung unterstütz bzw. eingeleitet werden.
Zwei Wirkmechanismen finden sich im Vorgehen verwirklicht. Einmal die „fokussierte Aktivierung“: Prozesse, die über die Augenposition, den Blickfokus und das Erfassen der damit korrespondierenden Körperempfindungen eine Aktivierung expliziter und auch impliziter Gedächtnisinhalte in Gang zu setzen vermögen.
Zum anderen die sogenannte »fokussierte Achtsamkeit« im therapeutischen Prozess. Das Brainspotting-Modell ist einerseits beziehungsorientiert und andererseits „neurobiologisch“ bzw. physiologisch ausgerichtet. Das bedeutet u.a. die Fokussierung auf und die intensive Arbeit mit physiologisch-regulativen Komponenten (u.a. über den „felt sense“), die Nutzung v.a. visueller aufmerksamkeits- und gedächtnislenkender Techniken und die konsequente Unterstützung selbstorganisierender und selbstregulierender Prozesse, die aus dem „System“ heraus erwachsen. David Grand spricht hier vom „dual attunement“.

BSP will als ein offenes Modell verstanden werden, das Therapeuten und Therapeutinnen erlaubt, BSP in ihre jeweils zuvor erlernten Methoden zu integrieren (Grand, 2011).

Ein bedeutsamer positiver Aspekt des BSP zeigt sich auch im stark reduzierten Risiko für indirekte Traumatisierungen der Therapierenden. Es dominiert die – im Rahmen einer schützenden, stabilisierenden therapeutischen Beziehung vollzogene – Prozessaktivierung, – veränderung und – regulation. Traumatische Inhalte müssen nicht zwingend dezidiert ausformuliert werden. Eine kontrollierte, effektive Prozessaktivierung (mit der damit korrelierenden neuro-physiologischen Aktivierungsebene) ermöglicht eine Umstrukturierung einmal etablierter Stress- bzw. Traumareaktionsmuster und somit eine Zunahme an Kontrolle und Regulationsfähigkeit. Darüber hinaus können durch die Aktivierung des „Körper-Gedächtnisses“ auch vorsprachliche Erfahrungen prozessiert werden.

Im Brainspotting kommen folgende „Techniken“ zur Anwendung:

Äußeres Fenster, Inneres Fenster, Brainspotting mit einem Auge, Gaze-Spotting, Z-Achse und Konvergenz, Doppel-Brainspotting, Ressourcen-Spotting sowie Rolling-Spotting und Brain Sweeps.

Brainspotting kann sehr effektiv angewandt werden in der

  • Erwachsenenpsychotherapie
  • Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie
  • in der Sportpsychologie bei Sporttraumata sowie bei Sportverletzungen – von Grand „Sports Trauma Stress Disorders“ genannt
  • in der Schauspielkunst und Musik zur Performance-Steigerung und bei Auftrittsängsten
  • in der Schmerztherapie, insbesondere bei chronischen Verläufen

Brainspotting eignet sich bei allen Störungen, bei denen es durch schwere Belastungserfahrungen zur Ausbildung „funktioneller Narben“ (Braun, 2006) kam. Das Stressverarbeitungssystem ist gleichsam in einer Schieflage und Dysbalance stecken geblieben. Im Extremfall handelt es sich um „eingekapselte“ traumatische Erfahrungen, die sich im Zeitverlauf sowohl psychisch als auch als Symptome auf der Körper-Ebene äußern. Dazu gehören nicht nur die Posttraumatische Belastungsstörung, sondern auch Angststörungen, depressive Zustände, Anpassungsstörungen sowie psychosomatische und somatoforme Störungen. Erfolge mit BSP wurden auch bei Zwangsstörungen, Essstörungen, Allergien und chronischen Schmerzsyndromen erzielt.

David Grand bietet in seinem Buch Brainspotting – Wie Sie Probleme, Traumata und emotionale Belastungen gezielt auflösen (VAK-Verlag, 2014) eine Vielzahl von Beispielen für die Behandlungen mit diesem Verfahren.

Weitere Anwendungsmöglichkeiten und Behandlungsbeispiele finden Sie in dem von Gerhard Wolfrum herausgebenen Trauma-Themenheft 03/2017 Brainspotting, erschienen im Asanger-Verlag ebenso wie in dem im September 2018 im Asanger-Verlag erschienenen englischsprachigen Sammelband The Power of Brainspotting, ebenfalls von Gerhard Wolfrum herausgegeben.